Spiralbildung in der belebten Natur


Durchweg ist die spiralige Form Folge von Anpassungen an Lebensbedingungen, und seien die Kreaturen noch so verschiedenartig. Schmetterlinge zum Beispiel besitzen lange Rüssel, um den Nektar aus den Blütenkelchen saugen zu können. Bei einigen tropischen Arten können diese Saugrüssel in Anpassung an langröhrige Blüten 25 Zentimeter messen. Während des Fluges wäre ein solch langes Organ natürlich hinderlich. Es zu einer Spirale aufzurollen ist die einfachste Art, mit dem Problem fertig zu werden.

In vielen Fällen führt auch das Verhalten eines Lebewesens zu Spiralen: Für die Köcherfliege, die ihre winzigen kugelförmigen Eier auf der Unterseite von Schwimmblättern ablegt, war die Spirale dafür der ökonomischste Weg.



Wir müßten annehmen: Es walte in der Vegetation eine allgemeine Spiraltendenz, wodurch, in Verbindung mit dem vertikalen Streben, aller Bau, jede Bildung der Pflanzen nach dem Gesetz der Metamorphose vollbracht wird. Das schrieb Goethe im Jahre 1830.
Im Reich der Plflanzen zeigt sich die Spirale als Form, die sich entfaltet, um das zu werden, was werden soll.Spiraliger Wuchs hat auch hier große funktionelle Vorteile: In Knospen kann auf engstem Raum, mehrfach schützend umhüllt, eine große Zahl von Blüten und Blättern bereitgehalten und mit einer winzigen Drehung entfaltet werden. Viele Pflanzen wachsen spiralig zur Sonne empor, und viele Blätter ordnen sich in Spiralen, um das Licht optimal zu nutzen. Bäume wie Fichten offenbaren bei genauem Studium einen spirallgen Wuchs – von den Wurzeln bis hinauf zum Wipfel

Die versteinerten spiralförmig aufgewundenen Schalen der seit langem ausgestorbenen Ammoniten und die ebenfalls versteinerten kleinsten schalentragenden Tiere, die winzigen einzelligen Foraminiferen, offenbaren noch nach Jahrmillionen Wachstumsprozesse und deren funktionellen Sinn.
Schneckenhäuser sind, trotz ihres Variantenreichtums, nach strengen geometrischen Gesetzen aufgebaut .

Wohl an keinem anderen Lebewesen wird sinnfälliger, daß Gestalt in eine genetisch »vorgedachte« Form hineinwächst. Jede Zelle »weiß« zu jeder Zeit um das Ganze, um die »ldee«, die es wachsen läßt.

So entstehen nach artspezifischen Bäuplänen verschiedenartige Gestalten, alle von hoher Präzision und Schönheit.

Die meisten Schneckenhäuser sind rechtsgewunden, nur sehr wenige Arten sind linksdrehend. Sehr selten treten innerhalb einer Art »falsch«-gewundene, Spiegelbildlich symmetrische Exemplare auf, sogenannte Inverse – bei der rechtsgewundenen Weinbergschnecke eine unter 5000.
Daß spiegelbildliche Gegenstücke eines Schneckenhauses höchst selten existieren, ist Ausdruck eines grundlegenden Unterschiedes zwischen belebter und unbelebter Natur. Zunächst ließe sich vermuten, daß Rechts- und Linksformen statistisch gleichberechtigt auftreten.

Die belebte Natur bevorzugt indes eine der beiden Möglichkeiten: Schon die Moleküle von Zuckern treten stets in der „RechtsForm“, die von Aminosäuren dagegen in der »Links-Form« auf – sofern sie an Lebensvorgängen beteiligt sind. Die „spiegelbildliche Gleichberechtigung“ wird allerdings auch in der unbelebten Natur verletzt:

Das Zerfallsschema von Teilchen, die beim radioaktiven Betazerfall von Atomkernen entstehen, erweist sich ebenfalls als asymmetrisch

Röntgenstrahlen offenbaren die innere Architektur eines Schneckenhauses. An ihrer Spitze gekappte große Meeresschnecken dienten den Menschen vieler Kulturen als Signalhorn.


Das Rasterelektronenmikroskop macht die schraubenförmige Knochenachse im Zentrum der spiraligen Gehörschnecke sichtbar, die in unserem Ohr wie dem aller Säugetiere sitzt.

Die Gehörschnecke darf als Muschelhorn mit umgekehrter Funktion gelten. Sie wird von der Basilarmembran längsgeteilt, auf der das eigentliche Sinnesorgan, das Gortische Organ (Organon spirale), liegt.) Dort wirken Haarzellen als Rezeptoren und setzen die Schwingungen der Schallwellen in elektrische Impulse um, die dann zum Gehirn geleitet werden.

Spiralen zwischen Himmel und Erde
Ein verheerender Tornado saugt im US-Bundesstaat Oklahoma Staubmassen in sich hinein.

Über dem Pazifischen Ozean wirbeln Cumulonimbus-Wolken mit rasender Geschwindigkeit um das Auge eines Taifuns.

Auf dem Planeten Mars zieht ein Wirbel aus Staub und Trockeneis über die Rote Wüste. Solche spiraligen Bewegungen leichter Substanzen wie Luft, Staub oder auch Wasser kommen durch Druckunterschiede in Verbindung mit der ablenkenden Kraft der planetarischen Rotation zustande.




Wirbelstürme und Wasserstrudel laufen in der nördlichen Erdhemisphäre entgegen dem Uhrzeigersinn, in der südlichen dagegen mit ihm.





Wie ihre Spur auf einer Fotoplatte zeigt, bewegen sich auch kleinste Einheiten der Materie, subatomare Partikei mit elektrischer Ladung, auf spiralförmigen Bahnen, wenn ein Magnetfeld sie ablenkt.